Ephemera

Kurz und flüchtig

Nichts darf man mehr kritisieren…

…außer ein paar Dingen, die man so regelmäßig kritisieren darf, dass es sogar eigene, häufige Wörter für die Kritik an ihnen gibt (in Klammern: Häufigkeit der Verwendung in deutschen Zeitungen im Deutschen Referenzkorpus).

Offenbar höchst beliebte Arten der Kritik:

  1. Islamkritik (252)
  2. Israelkritik (174)
  3. EU-Kritik (115)
  4. Amerikakritik/USA-Kritik (52)

Offenbar weniger beliebte Arten der Kritik:

  1. Chinakritik (4)
  2. Russlandkritik (3)
  3. Deutschlandkritik (3)
  4. Syrienkritik (0)
  5. Christentumkritik (0)
A: Dieses Verhalten finde ich etwas unüberlegt. Schade.
B: Müsst ihr immer mit eurer politischen Korrektheit nerven?
A:
B: Du warst wohl noch nie draußen im echten Leben! Da ist das völlig normal, du Akademiker/Kellerkind/Gutmensch/Mimose.
A:
B: Ich habe viele Freunde, die Frauen/homosexuell/behindert/Ausländer sind, und die haben genauso über die Sache gelacht, wie ich! #xgate
A:
B: Nur in Deutschland regen wir uns über so etwas auf, die ganze Welt schüttelt den Kopf über uns wegen Idioten wie dir! #xgate
A:
B: Die anderen sind viel schlimmer, du solltest mal hören, was die über uns sagen, dagegen ist das harmlos. #xgate
A:
B: Peinlich, für jede Kleinigkeit müsst ihr ein Hashtag erfinden! #xgate
A:
B: Jetzt darf man als Deutscher wohl nicht mal mehr feiern, ohne gleich als Nazi beschimpft zu werden. #xgate
A:
B: Der eigentliche Nazi bist du! #xgate
C: Ich finde, beide Seiten übertreiben mal wieder ganz schön. Gibt es nichts Wichtigeres, womit ihr euch beschäftigen könnt?

Friedrich Schiller über die #1000Hände der #Piraten

Sieh, da entbrennen in feurigem Kampf die eifernden Kräfte,
Großes wirket ihr Streit, Größeres wirket ihr Bund.
Tausend Hände belebt ein Geist, hoch schläget in tausend
Brüsten, von einem Gefühl glühend, ein einziges Herz,
Schlägt für das Vaterland und glüht für der Ahnen Gesetze;
Hier auf dem teuren Grund ruht ihr verehrtes Gebein.

(Aus: Friedrich Schiller, „Der Spaziergang“, 1795)

Mein Kollege Edward Snowden

Edward Snowden ist seit gestern Ehrenmitglied meiner Universität, der Freien Universität Berlin. Der Akademische Senat – das höchste Gremium der akademischen Selbstverwaltung, also eine Art Universitätsparlament – hatte am 18. Juni 2014 entschieden, ihm diese Ehrung anzutragen, und nun hat er sie akzeptiert.

Ich kann gut damit leben, dass Snowden jetzt quasi ein Kollege von mir ist. Sosehr ich täglich den Kopf über den Personenkult schüttle, den Teile der Netzgemeinde um den NSA-Whistleblower betreiben, und sowenig ich glaube, dass dessen Enthüllungen irgendeinen Einfluss auf irgendeinen Aspekt der Struktur von Geheimdiensten oder des Internets haben werden – es bleibt die Tatsache, dass Snowden für eine Sache, von der er zu Recht überzeugt war und ist, ein bequemes Leben gegen eins auf der Flucht eingetauscht hat, und dafür kann man durchaus mal „Danke“ sagen.

Dass dieses „Danke“ in Form einer Ehrenmitgliedschaft einer Universität erfolgt, ist ebenfalls passend. Snowden habe sich „außergewöhnlich für Transparenz, Gerechtigkeit und Freiheit eingesetzt“, begründet der Akademische Senat der Freien Universität die Ehrung, und Transparenz, Gerechtigkeit und Freiheit sind nicht nur wichtige gesellschaftliche Werte, es sind auch Voraussetzungen für eine funktionierende Wissenschaft.

Die Freie Universität bekennt sich mit der Ehrung explizit zu diesen Werten, die aktiv gelebt und gepflegt werden müssen, um im universitären Alltag einer unterfinanzierten und personell schlecht ausgestatteten Massenuniversität (also jeder deutschen Universität) nicht in Vergessenheit zu geraten. Ich wünsche mir, dass die Freie Universität sich in ihren Entscheidungsprozessen in Zukunft stärker an diesen Werten orientiert und ich wünsche mir, dass die Studierenden das stärker einfordern.

Die Freie Universität Berlin bleibt mit der Ehrung auch ihrem eigenen Namen und den Werten ihrer Gründungszeit treu: Sie wurde 1948, unter der Aufsicht der amerikanischen Militärregierung als Gegengewicht zur Humboldt-Universität (damals noch „Berliner Universität“) gegründet, die von der Sowjetunion mit brachialen Methoden, zu denen auch die Verschleppung und Ermordung von Lehrenden und Studierenden gehörten, auf ideologische Linie gebracht worden war.

Dass sie heute einen amerikanischen Staatsbürger ehrt, für dessen Regierung die Verschleppung und Ermordung ihrer Gegner zumindest prinzipiell zu einem legitimen Mittel der Politik geworden ist, und der ausgerechnet im auch nicht gerade musterhaft demokratischen Nachfolgestaat der Sowjetunion Zuflucht gesucht hat, zeigt, dass die Freie Universität das „Freie“ in ihrem Namen nicht (mehr) als Synonym für „die USA“ oder „den Westen“ interpretiert, sondern ganz wortwörtlich.

Das ärgert übrigens Gunnar Schupelius, den – sagen wir es mal freundlich – sehr, sehr konservativen Chefkolumnisten der B.Z.: „Die FU war ein Geschenk der Amerikaner“, schreibt er in seiner aktuellen Kolumne, und dass die jetzt Snowden, „großen Feind Amerikas“ eine Ehrenmitgliedschaft zuteil werden lässt, sei ein „Nadelstich, der den Amerikanern wehtun muss“. Aber: „Einem Freund tut man nicht weh“, und die Freie Universität zeige einen Mangel an „Taktgefühl“. Die „Weitergabe von geheimen Daten an die Medien“ sei „keine wissenschaftliche Leistung, die von einer Universität bedacht werden“ könne, findet Schupelius außerdem (Historiker/innen dürften ihm da widersprechen). Schupelius kennt auch den wahren Grund für die Ehrung: „Die FU ehrt Snowden aus politischen Gründen, aus einer großen Abneigung gegenüber Amerika.“

Selbst, wenn mir Snowden völlig egal wäre – allein für diesen Einblick in das wirre Weltbild der Amerika-um-jeden-Preis-Versteher hat sich die Ehrung gelohnt.

Die majestätische Gleichheit des Gesetzes

„Wir sind Soldaten, in Frankreich, und wir sind Bürger. Eine weitere Quelle des Stolzes, Bürger zu sein! Für die Armen besteht das darin, die Reichen in ihrer Macht und ihrem Müßiggang zu unterstützen und zu erhalten. Dafür sollen sie unter der majestätischen Gleichheit des Gesetzes arbeiten, das es Reichen wie Armen verbietet, unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen. Das ist eine der Errungenschaften der Revolution. So, wie diese Revolution von Narren und Idioten zum Nutzen derjenigen betrieben wurde, die sich die Güter des Landes aneignen und wie sie zur Bereicherung gerissener Bauern und bürgerlicher Preistreiber geführt hat, hat sie, im Namen der Gleichheit, ein Imperium der Reichen errichtet.“

(Anatole France, Die rote Lilie)

Ich trete aus…

… der piratigen Filterblase heraus und stelle ganz nüchtern zwei Dinge fest: Erstens: die PIRATEN sind in Deutschland strukturell eine Knapp-Zwei-Prozent-Partei, und zweitens: das wussten wir schon vor gestern Abend. Mit einigen atypischen Ausnahmen, auf die ich gleich noch komme, lagen alle Landtagswahlergebnisse der letzten fünf Jahre um diesen Wert herum, bei der Bundestagswahl war es, in der Tendenz etwas mehr, bei der Europawahl in der Tendenz etwas weniger. Hier die Ergebnisse nach Bundesland:

Angesichts dieser Datenlage ist es eigentlich erstaunlich, dass in der Piratenpartei nach jeder Wahl dieselbe Debatte darüber entbrennt, woran das schlechte Ergebnis diesmal lag (Kernprogramm gegen Vollprogramm, „Bombergate“ gegen „Orgastreik“, Netzpolitik gegen Asylpolitik, ad infinitum).

Meine These ist, dass es an nichts davon liegt. Nicht nur, weil diese Dinge niemanden außerhalb der Parteifilterblase interessieren, sondern, weil die Ergebnisse eben im Prinzip immer gleich sind. Es gibt da nichts zu erklären: Die Piratenpartei holt Landes- und Bundesweit innerhalb einer völlig normalen Schwankungsbreite immer das gleiche Ergebnis.

Bei der Frage, ob und wie es weitergehen kann oder soll, hilft aber vielleicht ein Blick auf die Ausnahmen. Die sind zweifacher Art: Erstens gab es 2011 vier Landtagswahlen mit deutlich höheren Ergebnissen. Zweitens erzielt die Piratenpartei in Berlin Ergebnisse (übrigens auch in aktuellen Sonntagsfragen zu Land- und Bundestagswahlen), die doppelt so hoch liegen wie der landesweite Durchschnitt. Und die Piratenpartei in Berlin war es zufällig auch, die die Erfolgsserie bei den Landtagswahlen 2011 auslöste.

Beim Nachdenken über die Zukunft der Piratenpartei führen also alle Wege nach Berlin. Aber keine Angst, ich will kein Loblied auf den Berliner Landesverband singen. D.h., ich will schon – es ist ein progressiver Landesverband, der ernsthaft daran arbeitet, das Versprechen von partizipatorischer Demokratie nun endlich umzusetzen und der im Abgeorndetenhaus mit einer Fraktion vertreten ist, die im Großen und Ganzen sehr gute Arbeit leistet.

Aber ich glaube nicht, dass das (oder das allein) der Grund für die im Vergleich zum Bundesdurchschnitt besseren Ergebnisse ist.

Stattdessen glaube ich – und das ist vermutlich kein origineller Gedanke, aber ich war einfach zu faul, nach entsprechenden Blogbeiträgen zu googeln – dass die Piratenpartei insgesamt eine Klientel anspricht (bei Wähler/innen wie auch bei potenziellen Mitgliedern), die sich hauptsächlich in Großstädten findet. Dafür spricht, dass bei der Europawahl neben Berlin auch Hamburg und Bremen überdurchschnittliche Ergebnisse einfahren konnten, und dasselbe gilt für viele Städte in den Flächenstaaten.

Und das liegt nicht daran, dass die Leute in der Fläche zu uninformiert oder uninteressiert an Politik insgesamt sind, sondern, dass sie in einer völlig anderen Welt leben. In einer Welt, in der sie eben lieber CDU/CSU wählen, oder regional auch mal die SPD oder die Linke – aber immer Parteien, von denen sie hoffen, dass die dafür sorgen können und sorgen werden, dass alles bleibt wie es ist. Das ist eben die Reaktion der Land-, Dorf- und Kleinstadtbevölkerung auf die Unsicherheiten unserer Zeit, so wie es die Reaktion der urbanen post-industriellen Melange auf diese Unsicherheiten ist, die Zukunft trotz aller Düsternis eben irgendwie aktiv anzugehen und mit zu gestalten.

Das Folgende ist kein Vorschlag, und ich trete auch nicht aus, wenn es niemanden interessiert. Aber ich denke, es würde Partei und urbaner Melange gut tun, wenn die Piratenpartei sich auf diese Menschen konzentrieren würde. Wenn sie eine Partei für Großstädter/innen (auch in der Fläche gestrandete Großstädter/innen im Herzen) wäre. So, wie es der Landesverband Berlin im Prinzip ist und sein kann, weil Stadt und Land hier eben identisch sind.

Niemand braucht eine „Netzpartei“, denn das Netz existiert nur als Teil der Welt, und tatsächlich braucht auch niemand eine „zweite Linkspartei“, denn es gibt bereits eine sehr gute Linkspartei. Aber die Urbanität und ihre Zukunft brauchen eine Partei. Die wird zwangsläufig links sein, weil „links“ ja letztlich nur „gerecht und progressiv“ heißt, und beides – Gerechtigkeit und Fortschritt – braucht die Urbanität. Sie wird auch netzpolitisch sein, weil das Netz (obwohl es natürlich auch aus dem Landleben nicht wegzudenken ist), in der hohen sozialen Dichte der Urbanität eine besonders wichtige Rolle spielt. Sie wird auch „basisdemokratisch“ sein, weil die Urbanität von ihren allerersten Anfängen an antiautoritär war.

Aber wenn die Piratenpartei nicht diese Partei sein will oder kann, ist das auch egal. Es wird sich über kurz oder lang eine andere Partei finden, die es will und kann.

Post von Reinhard

Reinhard Mohr ist der Meinung, wir sollten einfach mal die Fresse halten. Denn wir haben es so gut, wie lange nicht mehr. Das „wir“, das die Fresse halten soll, das sind natürlich wir. Also die anderen. Die, die nicht Reinhard Mohr sind. Das „wir“, dem es so gut geht, wie lange nicht mehr, das sind wir alle. Auch Reinhard Mohr. Also, eigentlich nur Reinhard Mohr und andere, die wie er sind. Männer, halt. Deutsch und weiß. Im besten Alter. Deutsche weiße Männer im besten Alter, die ihren komfortablen Lebensunterhalt damit bestreiten, zum tausendundersten Mal den selben geistigen Sondermüll ins Feuilleton zu kippen.

In das Feuilleton der WELT. Der WELT, in der noch Vernunft und Ordnung herrscht, und von der aus deutsche weiße Männer im besten Alter die „hysterische Republik Deutschland“ beobachten können. In der so hysterische Leute leben. Leute, die sich mit der Welt beschäftigen. Der echten Welt, nicht der WELT. Aber den Unterschied kennt Reinhard Mohr nicht. Und was er nicht kennt, das gibt es nicht.

Deshalb lacht er laut über die Angst der Deutschen vor den „‚Chlorhühnchen‘ … die uns angeblich das geplante Freihandelsabkommen bescheren wird.“ Was uns das Freihandelsabkommen tatsächlich beschert, weiß Reinhard Mohr nicht: Die endgültige Macht der Wirtschaft über die Politik. Das betrifft Leute wie ihn auch gar nicht, denn wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es auch ihm gut. Politik stört da nur, denn am Ende würde die sich vielleicht doch noch mal um Menschen kümmern, die nicht wie Reinhard Mohr sind, und das ginge dann ja auf Kosten von Reinhard Mohr.

Und die Chlorhühnchen müsste er auch nicht essen, wenn sie wirklich kämen, denn er kann sich einfach ein normales Hühnchen kaufen. Ohne Chlor. Für viel Geld, das er dafür bekommt, dass er die Welt ignoriert und die WELT volltextet. Auch über „Pflegenotstand und Altersarmut, Klimakatastrophe und Gentrifizierung“ und „die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich“ kann er nur lachen. Denn das alles passiert ja nur den anderen. Denen, die anders sind als er. Die in der Welt leben müssen.

Und weil Reinhard Mohr schon so lange in der WELT lebt, kann er auch dort lachen, wo sein Geld ihm nichts nützen wird. Bei den Antibiotika-Resistenzen, zum Beispiel. Die findet er so amüsant, dass er gar nicht nachgeschlagen hat, was das eigentlich heißt: „Antibiotika“. Oder „Resistenz“. Wird schon nicht so schlimm sein, denn, so beobachtet Reinhard Mohr messerscharf, „Waldsterben und Ozonloch“ spielen ja auch keine Rolle mehr. Und die hat er damals auch nicht nachgeschlagen. Weiß auch nicht, dass es nicht Leuten wie ihm zu verdanken ist, dass es damit nicht ganz so schlimm gekommen ist. Sondern Leuten, die in der Welt leben und sich um so etwas kümmern.

Die große Koalition, die macht alles genau richtig, findet Reinhard Mohr. Richtig für ihn. Nur die Rente mit 63, die findet er doof. Die braucht er nicht. Also braucht sie niemand. Am Ende wird die noch aus seiner Tasche bezahlt. Dann müsste er noch mehr gedankenlosen Textabfall produzieren. Da käme selbst er nicht hinterher.

Und nicht-weiße nicht-Männer, die findet Reinhard Mohr auch nicht gut. Also, sie würden ihn nicht stören. Wenn sie halt einfach mal die Fresse halten würden. Sich nicht so haben, wenn ein bezwitscherter Altpolitiker ihr Dirndl lobt. Wenn sie die Sprache in Ruhe lassen würden. Reinhard Mohrs Sprache, in der Wörter „er“ und „Professor“ alle Menschen bezeichnen können, unabhängig von ihrem Geschlecht. Also, solange es das Geschlecht von Reinhard Mohr ist, versteht sich. Wenn sie aufhören würden, mit der Sprache zu spielen, sich Professorx zu nennen, auszuprobieren, ob es irgendwo auch einen Platz für sie geben könnte.

Denn den Platz braucht Reinhard Mohr natürlich selber. Da sitzt er jeden Abend und isst sein „Zigeunerschnitzel“. Und findet das gut. Denn er ist ja kein Zigeuner, also warum müssen andere unbedingt darauf bestehen, Zigeuner zu sein. Und warum müssen die auch noch das Wort Zigeunerschnitzel kritisieren? Das ist doch sein Wort. Und schließlich heißt er Mohr, also kennt er sich ja wohl aus, wenn es um diskriminierende Sprache geht.

Und dann noch diese Menschen, die unbedingt alles differenziert sehen wollen, statt auf unsere amerikanischen Freunde zu vertrauen. Also, nicht „unsere“ Freunde in der Welt, sondern „unsere“ Freunde in der WELT. Die mag Reinhard Mohr auch nicht. Wer keinen Krieg mit Russland will, der liegt wohl insgeheim Putin zu Füßen, glaubt Reinhard Mohr. Und soll halt einfach mal die Fresse halten.

Wir alle sollen einfach mal die Fresse halten, damit es Reinhard Mohr in Ruhe so gut gehen kann, wie schon lange nicht mehr.

Leider haben wir keine Ahnung, wie man die Fresse hält, Reinhard Mohr.

Mach es uns doch bitte vor.

Frauensucher

Immer wieder höre ich von wohlmeinenden männlichen Organisatoren interessanter Konferenzen und Projekte Sätze wie

Wir wissen selbst, dass wir zuwenig Frauen eingeladen haben, und wir arbeiten total hart daran, mehr zu finden.

Das finde ich sehr lobenswert. Wirklich. Und ich hoffe, dass Projekte wie Speakerinnen.org dabei helfen, dass das in Zukunft mehr männlichen Organisatoren besser gelingt. Denn dass eine Schieflage besteht, zeigen die Beispiele, die bei 50 Prozent oder Goldener Medienpimmel gesammelt werden, in einer erschreckenden Deutlichkeit.

Aber. Ich habe darüber nachgedacht, warum es mir selbst bei all meinen Projekten so phänomenal einfach gefallen ist, Frauen zu finden:

Die Lösung: Ich habe es überhaupt nicht versucht. Ich habe einfach die Menschen angesprochen, die ich gerne dabei haben wollte.

Und daraus folgt eine einfache Erkenntnis: Wenn ihr die Frauen in dem Moment verzweifelt suchen müsst, wenn ihr eine Konferenz oder ein anderes Projekt plant, dann lebt ihr euer Leben falsch. 

Denn wenn ihr es richtig leben würdet, würdet ihr jeden Tag mit Frauen über eure Themen sprechen und dann müsstet ihr gar nicht groß nachdenken, wenn ihr Frauen für Projekte sucht.

Also: Arbeitet an eurem Problembewusstsein. Arbeitet von mir aus auch an euren Suchstrategien. Aber arbeitet vor allem an eurem Leben.

Femininität kritisieren? Können wir immer und überall!

Der dritte (und letzte) Spot der Kampagne „Tolerant? Sind wir selber“ würde eine sehr viel detailliertere Kritik verdienen als die ersten beiden (siehe hier und hier) und vor allem, als ich leisten kann. Trotzdem der Vollständigkeit halber ein paar Gedanken dazu.

Der Spot weicht von der Dramaturgie der ersten beiden deutlich ab. Wir erinnern uns: dort wurden jeweils Situationen gezeigt, in denen wir als Publikum glauben sollten, hier würden heterosexuelle Menschen Kritik and homosexuellen Menschen äußern, um dann am Ende festzustellen, dass es genau umgekehrt war. Im dritten Spot soll es (vorhersehbarer Weise) auch um eine Umkehr von Normvorstellungen gehen, aber die ist hier anders inszeniert. Hier ist der Spot (ich fasse ihn danach zusammen):

Eine Frau und ein Mann, offenkundig ein Paar, bereiten sich auf eine Party vor. Er richtet seine Kleidung, sie unterhalten sich darüber, wer dort sein wird. Und sie schminkt sich, und das passt ihm nicht. Ob es nicht „weniger auffällig“ gehe – „Lippenstift, Lidschatten, Ohrringe, kurzer Rock“, das sei ein wenig zu „offensichtlich“, denn: „Wie wir leben, das ist doch privat, das müssen wir nicht an die große Glocke hängen.“ Schnitt, und die beiden betreten die Party, auf der (irgendwie haben wir es geahnt), nur homosexuelle Paare sind. Er ist jetzt stereotyp „schwul“ angezogen (enges pinkes T-Shirt usw.), sie ist abgeschminkt, die langen Haare unter einer Mütze versteckt, in einem formlosen Hemd mit Weste.

Davon abgesehen, dass natürlich auch dieser Spot wieder intolerante Homosexuelle zeigt, die ein heterosexuelles Paar nicht akzeptieren oder wenigstens auf ihrer Party dulden würden, ist dieser Spot für mich auf mindestens einer weiteren Ebene misslungen. Er stellt nämlich einen bestimmten Typ von femininer Semiotik (Make-Up, Ohrringe, kurzen Rock) als „heterosexuell“ dar. Diese Semiotik ist aber nicht (und war nie) auf heterosexuelle Frauen beschränkt sondern findet sich auch unter Lesben, Bi-, Trans- und Intersexuellen (bei sogenannten Femmes oder Fems). Und die werden und wurden auch in ihren Communities häufig für ihre vermeintliche Anpassung an „heterosexuelle“ Geschlechterrollen kritisiert, nicht für voll genommen und unsichtbar gemacht. Dieser Umgang wird hier ganz nebenbei auf eine Weise repliziert, die auch dann erhalten bleibt, wenn wir die intendierte gedankliche Umkehrung vornehmen. In einer Gesellschaft, in der sich viele Hetero- und Homosexuelle darin einig sind, dass Frauen in jedem Fall für ihre äußere Erscheinung kritisiert werden dürfen, ist das höchstproblematisch.

Schließlich hat Anna Heger mich auf Twitter darauf hingewiesen, dass die Spots sich insgesamt sehr auf Homo- und Heterosexualität fixieren. Bisexuelle, Transsexuelle und Intersexuelle, für die ja angeblich auch für Toleranz geworben werden soll, kommen überhaupt nicht vor. Das ist im Zusammenhang mit der unreflektierten Kritik an Fem(me)-Identitäten besonders problematisch, weil (wenn ich das richtig verstehe) diese Identitäten gerade für Bi- und Transsexuelle besonders wichtig sein können. Ich wünsche mir sehr, dass jemand, der sich mit diesen Aspekten besser auskennt als ich, hier noch eine fundierte und differenzierte Kritik dieser Kampagne liefert.

Unverständlich? Können wir selber.

Über den ersten Spot der Kampagne „Tolerant? Sind wir selber“ habe ich hier vor ein paar Tagen geschrieben. Nun ist der zweite Spot erschienen. Hier ist er:

Da sich der Spot genau desselben dramaturgischen Tricks bedient wie der erste, könnte ich nur meine Kritik wiederholen. Da das langweilig wäre, habe ich den Spot zwei Jugendlichen (zwölf und vierzehn Jahre alt) gezeigt, die ich zufällig zur Hand hatte, und sie um ihre Interpretation gebeten.

Hier das Ergebnis.

Jugendlicher Nr. 1 (12 J.): „Wahrscheinlich wollen die nicht, dass ihre Tochter zu so reichen Leuten geht und deren Maßstäbe übernimmt – und dann vielleicht sauer ist, dass ihre Eltern ihr nicht so teure Sachen kaufen können.“

Jugendliche Nr. 2 (14 J.): „Keine Ahnung. Vielleicht haben die beiden Väter Angst, dass die anderen Eltern etwas gegen Homosexuelle haben und ihre Tochter dort herablassende Äußerungen zu hören bekommen würde.“

Jugendlicher Nr. 1 (12 J.): „Ich habe noch eine andere Idee: Soll der Film vielleicht zeigen, dass homosexuelle Eltern sich viel mehr um ihre Kinder kümmern, während die anderen nur die ganze Zeit telefonieren und die Kinder total ignorieren?“

Immerhin interessanter als die intendierte Botschaft.