Ephemera

Kurz und flüchtig

Seit einiger Zeit kursiert ein Text im Internet, der anhand einer Analogie versucht, die schreckliche und unmenschliche Absurdität der Reaktionen deutlich zu machen, mit denen Frauen konfrontiert sind, wenn sie eine Vergewaltigung anzeigen. Ein Mann meldet einen Straßenraub bei der Polizei, und der folgende Dialog entspinnt sich (eigene Übersetzung, das vermutliche Original ist hier):

Mann: Ich möchte einen Straßenraub melden.
Polizist: Einen Raub, ja? Wo hat der stattgefunden?
Mann: Ich war gerade an der Ecke 21ste und Dundrich Street als ein Mann eine Pistole auf mich richtete und sagte, „Gib mir all dein Geld.“
Polizist: Und, haben Sie das getan?
Mann: Ja, ich habe mich kooperativ verhalten.
Polizist: Sie haben ihm also bereitwillig Ihr Geld gegeben, ohne sich zu wehren, um Hilfe zu rufen oder wegzulaufen?
Mann: Ja, aber ich hatte Angst. Ich dachte, er würde mich töten.
Polizist: Mhm. Aber Sie haben mit ihm kooperiert. Und wie ich höre, sind sie ein ziemlich wohltätiger Mensch.
Mann: Ich spende Geld für gute Zwecke, ja.
Polizist: Sie geben anderen also gerne ihr Geld. Sie geben anderen gewohnheitsmäßig ihr Geld.
Mann: Was hat das mit dieser Situation zu tun?
Polizist: Sie sind wissentlich in Ihrem Anzug die Dundritch Street entlanggelaufen, obwohl jeder weiß, dass Sie ihr Geld gerne hergeben, und dann haben Sie sich nicht gewehrt. Es klingt für mich, als ob Sie Ihr Geld freiwillig hergegeben haben, und jetzt bereuen Sie Ihre Spende nachträglich. Wollen Sie wirklich das Leben dieses Mannes ruinieren, weil SIE einen Fehler gemacht haben?

An diesen Dialog musste während der #Aufschrei-Aktion immer wieder denken, wenn Stimmen sich zu Wort meldeten, die die Lösung für Alltagssexismus, sexualisierte Belästigungen und sexualisierte Übergriffe darin sehen, dass die Frauen eben lernen müssten, selbstbewusst zu reagieren, darauf hinzuweisen, wenn ihre Grenzen überschritten würden, sich allgemein verbal oder körperlich zur Wehr zu setzen. Oder Stimmen, die den Frauen rieten, Verhaltensweisen oder Situationen, die zu Übergriffen einladen könnten, zu meiden.

Die Polizei rät offiziell tatsächlich nicht einmal bei Handtaschenraub — geschweige denn bei sexueller Nötigung oder Vergewaltigung — zur Gegenwehr (dass im konkreten Fall Polizist/innen etwas anderes sagen oder suggerieren oder dass Gerichte es anders bewerten, steht auf einem anderen Blatt). Beim Straßenraub gibt die Polizei folgenden, sehr weisen Rat:

Leisten Sie Widerstand nur dann, wenn Sie sich dem Täter gegenüber körperlich überlegen fühlen und eine reelle Erfolgsaussicht besteht. Gerade als älterer Mensch könnten Ihnen bei aktiver Gegenwehr durch massive Gewaltanwendung oder durch einen Sturz erhebliche Gesundheitsschäden drohen.

Stattdessen gibt die Polizei ausführliche Tipps, wie das Risiko von Raubüberfällen minimiert werden könne, z.B. indem wir kein Bargeld bei uns tragen, uns nur in der Nähe anderer Menschen aufhalten und uns nicht erkennbar alkoholisiert in der Öffentlichkeit bewegen.

Bei Sexualdelikten beschränkt sie sich gleich auf Tipps für das richtige Verhalten nach der Tat.. Und mit gutem Grund: Gegenwehr kann im Einzelfall sicher auch Mal zum Erfolg führen (beim #Aufschrei haben Frauen immer wieder berichtet, dass sie sich durch verbale oder körperliche Gegenwehr knapp aus gewalttätigen Situationen befreien konnten), aber sie kann genauso häufig (oder häufiger) dazu führen, dass eine ohnehin schon schlimme Situation noch viel schlimmer wird (auch das haben Frauen zur Genüge berichtet).

Die Polizei sagt auch nichts darüber, wie das Risiko eines sexuellen Übergriffs zu minimieren sei. Auch das aus gutem Grund: Keins der Patentrezepte, das Laien gerne anbieten — züchtige Kleidung, Meiden einsamer Orte usw. — scheint einen nennenswerten Einfluss auf das Risiko zu haben, von sexuellen Übergriffen betroffen zu werden.

Wer sagt, dass Frauen lernen müssen, sich zu wehren, erwartet von Frauen nicht nur, dass sie in einer Situation, in der die meisten Menschen (Männer und Frauen) mit lähmender Angst zu kämpfen hätten, ruhig genug bleiben, um wegzulaufen und/oder körperliche Gegenwehr zu leisten, sondern auch, dass sie geistesgegenwärtig genug bleiben, um korrekt einzuschätzen, ob Gegenwehr oder Kooperation die bessere Strategie sind.

Wer sagt, dass sie Situationen meiden sollen, die zu sexuellen Übergriffen einladen, erwartet, dass sie sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, denn Situationen, in denen es nicht zu sexualisierten körperlichen Übergriffen kommen kann, sind äußerst selten.

Und bei allem Verständnis für vereinfachtes und weltfremdes Denken, diese Erwartungen an Frauen sind tief gestört. Sie sind ein Symptom für eine Einstellung zu sexualisierter Gewalt, die alle Verantwortung weg von den Tätern, weg von möglichen Zeugen, weg von der Gesellschaft schiebt und sie allein den Betroffenen auferlegt.

Und das gilt nicht nur dort, wo es um sexualisierte körperliche Gewalt geht, es gilt auch dort, wo es „nur“ um sexualisierte verbale Übergriffe von „ungeschickten Versuchen, mit einer Frau ins Gespräch zu kommen“ über „dumme Spüche“ oder „Herrenwitzchen“ über massive sexualisierte und sexistische Beleidigungen bis zu verbaler Nötigung geht. Und sie ist dort genauso falsch.

Denn meiden können Frauen entsprechende Situationen schon deshalb nicht, weil es keine Situation gibt, in der es nicht zu verbalen Übergriffen kommen könnte. Selbst in den wenigen Situationen, in denen körperliche Übergriffe sehr unwahrscheinlich sind — am hellichten Tag in einem gut besuchten Supermarkt, im Großraumbüro oder im Plenarsaal eines Parlaments — sind Frauen vor verbalen Übergriffen nicht sicher. Sie geschehen beim Einsteigen in einen Bus, am Kantinentisch mit Kollegen, bei der Zigarettenpause zwischen zwei Seminaren, mitten in einem interessanten Gespräch mit jemandem, von dem sie es nie erwartet hätte.

Und wehren können Frauen sich auch hier oft selbst dann nicht, wenn sie geistesgegenwärtig und ruhig genug bleiben, um nicht nur rechtzeitig zu erkennen, dass, sondern auch wie zu reagieren wäre. Denn in „schweren“ Fällen (grobe sexistische Beleidigungen oder verbale Nötigungen) besteht auch hier die sehr reale Gefahr, dass die Situation von einem verbalen zu einem körperlichen Übergriff eskaliert (auch das haben Frauen beim #Aufschrei zur Genüge beschrieben). Und in „leichten“ Fällen („dummen Sprüchen“, „Herrenwitzchen“) führt die Gegenwehr dazu, dass die Frau als diejenige dasteht, die sich sozial falsch verhalten hat, indem sie aus einer „Nichtigkeit“ oder einem „harmlosen Scherz“ eine „große Sache“ macht, indem sie einen doch völlig harmlosen Mann als üblen Sexisten hinstellt, indem sie für alle die doch bis eben so lockere Stimmung verdirbt.

Auch bei verbalen Übergriffen ist es Symptom einer zutiefst sexistischen Gesellschaft, die Verantwortung für diese Situationen den Frauen aufzuerlegen, oder auch nur mit aufzuerlegen.

Dr. Mutti hat sich gefragt, wie sie ihre Töchter „gleichzeitig vorbereiten, sie schützen, sie trösten UND ihnen klarmachen [könnte], dass die bestehenden Verhältnisse nicht einfach zu akzeptiere“ seien. Sie hat keine Antwort, und obwohl ich seit Jahren darüber nachdenke, habe ich auch keine.

Wir alle können unseren Töchtern Selbstbewusstsein vermitteln. Wir können ihnen beibringen, dass sie anderen ihre Grenzen mitteilen müssen. Wir können sie in Selbstverteidigungskurse für Frauen schicken. Wir können ihnen so gut es geht erklären, wie sie gefährliche Situationen erkennen und vermeiden, auch wenn es bedeutet, dass sie sich nicht so frei bewegen können wie ihre Brüder. Wir können versuchen, ihnen Strategien zum Umgang mit sexualisierten verbalen Übergriffen mitzugeben, die vom de-eskalierenden Darüber-Hinweggehen bis zum expliziten und deutlichen Dagegen-Verwahren reichen.

Aber wir dürfen uns keinen Augenblick lang einbilden, dass wir damit den Sexismus bekämpfe, statt uns ihm zu fügen. Wir dürfen uns keinen Augenblick lang einbilden, dass wir das Leben unserer Töchter damit sicherer oder freier machen. Wir dürfen uns keinen Augenblick lang einbilden, dass wir sie vor der statistischen Unerbittlichkeit schützen können, mit der sie von sexualisierter Gewalt betroffen sein werden.

Wir müssen uns zu jedem Zeitpunkt im Klaren darüber sein, dass sie, wenn die Situation da ist — ob es ein „Herrenwitz“, ein verbales Bedrängen, ein Griff in den Intimbereich oder eine Vergewaltigung ist —, mit ihrer Angst und allen guten Ratschlägen ganz auf sich allein gestellt sein werden. (Auf sich, und bestenfalls auf Menschen, die die Situation zufällig mitbekommen und richtig einschätzen, und die dann vielleicht helfend eingreifen.)

Und das einzige, was wir konkret tun können, wird sein, nicht eine Sekunde lang zu denken — geschweige denn, ihnen zu vermitteln —, dass SIE etwas dagegen hätten tun können. Wir alle — Frauen und Männer, aber vor allem wir Männer — müssen dafür kämpfen, dass sexuelle Übergriffigkeit in jeder Form als Verantwortlichkeit des Täters betrachtet wird, und als Verantwortlichkeit einer Gesellschaft, die sich mit den Tätern solidarisiert, die die Handlungen der Täter relativiert, die die Situation der Betroffenen trivialisiert.

Und deshalb möchte ich kein „wehrt euch“ hören, kein „seid einfach selbstbewusster“, und kein „analysiert doch bitte immer erst, ob der Täter es überhaupt böse meint.“

Vor 1 Jahr
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  5. apokalybbse hat diesen Eintrag von astefanowitsch gerebloggt und das hinzugefügt:
    Lesen.
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    #aufschrei-debatte zuviele “wehrt euch doch einfach!”-texte begegnet....ehe ich hier...
  16. bigot-vernichter hat diesen Eintrag von astefanowitsch gerebloggt
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    Kolumne vonSibylle Berg gelesen: “Frauen, wehrt euch!” Warum...nur: Frauen, wehrt euch,...
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