Ephemera

Kurz und flüchtig

Seit golem.de gestern gemeldet hat, dass die Freie Universität Berlin ihren Lehrenden vorschreiben will, Online-Lehrinhalte exklusiv über Apples iTunes U zu veröffentlichen, bin ich vielfach per E-Mail und sozialen Netzwerken gefragt worden, wie ich (als Professor an der Freien Universität) dazu stehe (als Netzpolitik.org am 6. März darüber berichtete, hat mich merkwürdigerweise niemand angesprochen).

Das habe ich ja schon letzte Woche per Twitter mitgeteilt, als mich der Brief des Präsidiums erreichte, in dem uns diese Strategie mitgeteilt wurde:

Aber ein einfaches LOL reicht vielleicht doch nicht. Deshalb hier ein ausführlicheres Statement.

Noch einmal kurz zum Hintergrund: In dem Schreiben werden wir, wie Netzpolitik.org und golem.de korrekt berichten, informiert, dass die Freie Universität eine Verbreitung von Online-Lerninhalten (konkret Aufzeichnungen von Lehrveranstaltungen sowie audiovisuelle Lehrmaterialien) exklusiv über iTunes U plant, und gebeten, „von der Nutzung anderer externer Internet-Plattformen … absehen“.

Als Grund für diese Strategie, das berichten Netzpolitik.org und golem.de nicht, werden die „rechtlichen, organisatorischen und technischen“ Rahmenbedingungen angegeben, die für eine solche Verbreitung notwendig seien.

Was halte ich nun davon? Mit einem Wort: Nichts. Die Gründe, die gegen eine solche Strategie sprechen sind offensichtlich: Die Inhalte wären nicht barrierefrei (sie könnten weder auf freien Betriebssystemen genutzt werden, noch in andere Anwendungen importiert werden); sie wären nicht offen (Apple hätte eine unbefristete weltweite kommerzielle Lizenz, was z.B. die Verwendung von CC-BY-NC-lizenzierten Materialien unmöglich macht; zudem ist unklar, wie die eingestellten Materialien ihrerseits weiterverwendet werden könnten); sie würde Lehrende in ein Vertragsverhältnis mit Apple zwingen. Um nur ein paar offensichtliche Gründe zu nennen.

Was werde ich also tun? Mit einem Wort: Nichts, was ich nicht sowieso getan hätte. Natürlich werde ich keine Lehrinhalte bei iTunes U einstellen (zumindest nicht, ohne dass die identischen Lehrinhalte an anderer Stelle frei zur Verfügung stehen, also wahrscheinlich gar nicht). Ich habe zehn Jahre lang Lehrinhalte in geschlossenen Plattformen veröffentlicht, an die ich (durch Wechsel der Universität) teilweise selber nicht mehr herankomme. Das mache ich nicht mehr.

Und die Freie Universität kann mich auch gar nicht dazu verpflichten. Die Freiheit der Forschung und Lehre, die in Artikel 5, Abs. 3 des Grundgesetzes festgeschrieben ist, hat zur Folge, dass deutsche Universitäten ihr Personal nicht einmal dazu verpflichten können, ihre Forschung frei verfügbar in Open-Access-Zeitschriften zu veröffentlichen, statt sie an Wissenschaftsverlage zu verschenken (obwohl ich dankbar wäre, wenn sie es täten, aber dazu ein andermal mehr). Umso weniger kann man uns umgekehrt verpflichten, Lehrinhalte an einen Smartphoneproduzenten zu verschenken.

Dass ich mich an der iTunes-U-Strategie nicht beteiligen werde, dürfte aber — davor kann mich auch das Grundgesetz nicht schützen — handfeste Nachteile mit sich bringen: Erstens wird mir die entsprechende Infrastruktur der Universität wahrscheinlich nicht, bzw. nicht vollständig, zur Verfügung stehen. Zweitens kann die Universität finanziellen Druck ausüben, indem Lehrinhalte, die nicht über iTunes U veröffentlicht werden, bei Leistungsvereinbarungen nicht berücksichtigt werden (ob sie das tun wird, weiß ich natürlich nicht). Drittens, und das ist der entscheidende Punkt, steht mir auf diese Weise die rechtliche Infrastruktur der Universität nicht zur Verfügung. Ich muss mich auf eigenes Risiko um die Lizenzbedingungen meiner eigenen und der von mir verwendeten Materialien kümmern und ich bin bei Abmahnungen (egal, ob gerechtfertigt oder nicht), auf mich gestellt (das weiß ich deshalb, weil mir Fälle aus der Vergangenheit bekannt sind, wo Hochschullehrer der FU Abmahngebühren für offen verfügbare Lehrinhalte aus eigener Tasche zahlen mussten).

Diese Nachteile sind natürlich nicht klaglos hinnehmbar. Ich werde deshalb auch offiziell Protest gegen diese Strategie der Freien Universität einlegen und darauf hinweisen, dass ihr etwas pathetischer, dem kalten Krieg geschuldeter Name hier tatsächlich Programm sein sollte.

 

[Nachtrag: Einen Folgebeitrag mit wichtigen Ergänzungen gibt es hier.]

Vor 1 Jahr
  1. deconstructnotes hat diesen Eintrag von astefanowitsch gerebloggt und das hinzugefügt:
    .@astefanowitsch über den Plan der FU-Berlin Online-Lerninhalte exklusiv über iTunes U zu verbreiten
  2. von astefanowitsch gepostet