Ephemera

Kurz und flüchtig

In ihrer aktuellen taz-Kolumne beschäftigt sich Kübra Gümüsay mit der türkischstämmigen Soziologin Necla Kelek und dem türkischstämmigen Autor Akif Pirincci, die beide wiederholt durch polemische und teilweise stereotypisierende Kritik der türkischstämmigen Gemeinschaft in Deutschland aufgefallen sind. Ich lese Gümüsays Texte immer mit Interesse und oft mit Gewinn, und das wäre sicher auch bei dieser Kolumne so gewesen, denn Kelek und Pirincci sind sehr kontroverse Persönlichkeiten, deren häufig höchst problematischen Äußerungen immer wieder klare Worte entgegengesetzt werden sollten. Leider tut Gümüsay das in ihrer Kolumne aber nicht, sondern konstruiert statt dessen eine Art erweitertes Ad-Hominem-Argument, im Zuge dessen sie die beiden als „Haustürken“ aburteilt.

Dieses Wort fand und finde ich extrem befremdlich, und auch in einer notwendigen und harten Auseinandersetzung mit Kelek und Pirincci oder sonst wem hat es meiner Meinung nach nichts zu suchen.

Das erste Problem sehe ich in dem historischen Zusammenhang, auf den das Wort sich bezieht und in der Weltsicht, die sich in diesem historischen Zusammenhang manifestiert. Gümüsay lässt sich zu diesem Begriff durch eine berühmte Rede von Malcolm X inspirieren, der zwischen house ne****s (bzw. house ni****s) auf der einen und field ne****s auf der anderen Seite unterscheidet. Erstere waren Hausbedienstete, die sich (angeblich) mit ihren Besitzer identifizierten und ihm halfen, letztere unter Kontrolle zu halten, wenn die sich gegen ihren Besitzer auflehnten. Malcolm X bezieht sich damit explizit auf das (weiße) Narrativ um „Onkel Tom“ (den gütigen und zufriedenen Sklaven aus Harriet Beecher-Stowes Roman Onkel Toms Hütte). Sein Ziel ist es dabei, die Mehrheit der Schwarzen, die er mit den field ne****s vergleicht, gegenüber denjenigen Schwarzen zu radikalisieren, die sich aus seiner Sicht noch in den 1960er Jahren mit dem weißen Amerika und seinen Machtstrukturen identifizierten.

Unabhängig davon, ob es die Haussklaven tatsächlich in der von Beecher-Stowe romantisierten und von Malcolm X kritisierten Art und Weise gab, ist die Verwendung dieser Narrative durch Malcolm X insofern gerechtfertigt, als die Schwarzen in den USA tatsächlich jahrhundertelang entrechtet und auf brutalste Weise ausgebeutet wurden, und die Allegorie des „Onkel Tom“ seinen Zuhörer/innen helfen sollte, das zu erkennen und sich von den Machtstrukturen des weißen Amerika nicht vereinnahmen zu lassen, sondern auf Gerechtigkeit zu pochen.

Tatsächlich aber dürften wenigstens Zweifel an der Existenz einer großen Zahl von „Onkel Toms“ angebracht sein. Auch Haussklaven waren Sklaven, die ausgebeutet und missbraucht und ohne Rücksicht auf Familienbeziehungen ge- und verkauft wurden. Die Idee, dass sie das nicht durchschaut und sich stattdessen in großer Zahl mit ihren Peinigern solidarisiert haben, dürfte eher (weißen) medialen Darstellungen als der Wirklichkeit entspringen. Zumindest verbietet es sich, die Narrative unreflektiert zu übernehmen und auf andere Zusammenhänge anzuwenden, wie Gümüsay das tut. Spätestens mit dieser Übertragung akzeptiert man den Wahrheitsgehalt, und damit die rassistische Perspektive, dieser Narrative.

Das zweite Problem besteht darin, dass Gümüsay den von ihr (inhaltlich durchaus zu recht) kritisierten Necla Kelek und Akif Pirincci durch die Kategorisierung als „Haustürken“ nicht nur, wie vielleicht intendiert, die Legitimation abspricht, für die Türken (bzw. Deutsche mit türkischem Hintergrund) insgesamt zu sprechen, sondern die Legitimation abspricht, überhaupt als Türken (bzw. Deutsche mit türkischem Hintergrund) zu sprechen. Die Kategorisierung als „Haustürke“ suggeriert, dass Kelek, Pirincci und andere so stark mit den Machtstrukturen der deutschen Mehrheitsgesellschaft identfizieren, dass sie nicht mehr für sich, sondern für die Mehrheitsgesellschaft reden.

Und bei allem, was an Kelek und vor allem Pirincci schärfstens kritikwürdig ist, halte ich das für anmaßend und absolut ungerechtfertigt. Man muss Keleks und Pirinccis Ansichten nicht ernst nehmen, akzeptieren oder gar teilen (ich tue nichts davon), aber man sollte die biografischen Erfahrungen und die Gedankengänge respektieren, die sie dort hingeführt haben. Beide sind meiner Einschätzung nach höchst intelligente Menschen (Kelek vielleicht mehr als Pirincci), die in der Lage sind, für sich selbst zu denken. Und beiden kann man eine differenzierte Einstellung zur deutschen Mehrheitsgesellschaft bescheinigen (sie stehen der nämlich beide an verschiedenen Stellen durchaus kritisch gegenüber).

Zielführender wäre es gewesen, zu zeigen, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft nur zu bereit ist, sich genau die Meinungen von Angehörigen einer Minderheit herauszusuchen, die gut zu ihrem Selbstbild passen und die es nicht erfordern, die eigene Rolle zu reflektieren oder gar zu verändern. Das ist aber kaum Kelek und Pirincci anzulasten, sondern denjenigen, die deren Positionen unter Ausschluss von Fakten oder anderen Positionen politisch instrumentalisieren.

[Nachtrag: Kübra Gümüsays Antwort auf den Beitrag findet sich hier.]

Vor 1 Jahr
  1. deconstructnotes hat gesagt: Aus der Sicht der Mehrheitsgesellschaft mag deine Einschätzung und Schlussfolgerung richtig sein. Ich erachte Gümüsays Meinung allerdings für wichtig, da sie, wie du gezeigt hast, den Finger genau auf die richtige Stelle legt.
  2. von astefanowitsch gepostet