Ephemera

Kurz und flüchtig

Wer online ist, wird zwangsläufig irgendwann mit den dunklen Seiten menschlichen Verhaltens konfrontiert – oft wird dieses Verhalten als „Trollen“ bezeichnet und es wird einem geraten, „die Trolle nicht zu füttern“. Das ist leider oft wenig hilfreich. Hier meine Gedanken zu Alternativen.

Zunächst ist eine grobe Begriffsunterscheidung nötig (die es bestimmt irgendwo in Besser gibt, die mir aber hilft): Die zwischen gewöhnlichen Trollen und Dunkeltrollen.

Gewöhnliche Trolle wollen, aus ganz verschiedenen Gründen, Kommunikation stören – z.B. um Aufmerksamkeit zu bekommen, oder weil es ihnen einfach Spaß macht, oder weil sie damit falsche oder verdeckte Argumente des Gegenübers aufdecken wollen, oder weil sie schlicht der Meinung sind, dass eine bestimmte Diskussion diese Störung nötig hat. Diese Art der Trollerei kann amüsant bis schwer irritierend sein, im Großen und Ganzen funktioniert hier aber das Diktum „Füttere die Trolle nicht“. Werden sie ignoriert, verschwinden sie im besten Fall, im schlimmsten Fall trollen sie weiter vor sich hin bis sie die Lust verlieren. Werden sie nicht ignoriert, machen sie tage- und wochenlang weiter. Deshalb sollten und können wir Trolle ignorieren.

Dunkeltrolle nutzen die Strukturen des Trollens, um zu Mobben. Sie sind meistens anonym und immer unerreichbar, und sie nutzen ihre Anonymität und Unerreichbarkeit, um aus einer sicheren Position heraus Menschen zu beleidigen, einzuschüchtern, zu bedrohen und zu verleumden. Bei Dunkeltrollen versagt das Diktum „Füttere die Trolle nicht“ auf ganzer Linie, denn sie sind ja keine Trolle, sondern Mobber/innen, die sich als Trolle tarnen. Werden sie ignoriert, werten sie das entweder als Bestätigung ihrer Macht (weil sie meinen, die Betroffenen eingeschüchtert zu haben) oder als Ansporn, ihr Mobbing zu intensivieren, um so doch noch eine Reaktion zu bekommen. Werden sie nicht ignoriert, ist das ebenfalls ein Ansporn, ihr Mobbing zu intensivieren. Deshalb sind die Betroffenen in einer fast ausweglosen Situation: Egal, was sie tun, das Mobbing wird intensiviert.

Leider habe ich auch keinen Ausweg, aber folgende Verhaltensweisen haben mir selbst in der Vergangenheit geholfen.

Der erste Schritt sollte immer sein:

1. Unterstützung sichern. Andere darauf aufmerksam machen, dass wir gemobbt werden; das sollten wir aber zunächst nicht öffentlich tun (denn damit geben wir gleichzeitig den Mobber/innen Material für ihr Mobbing), sondern hinter den Kulissen.

Wie der nächste Schritt ist, hängt von der Situation ab. Wenn die Kommunikation des Dunkeltrolls konkrete Drohungen oder schwere Beleidigungen enthält:

2a. Anzeige erstatten. Ich weiß, dass die Polizei nicht immer verständnisvoll und unterstützend reagiert. Ich weiß, dass sie, selbst wenn sie es tut, oft nichts unternimmt. Ich weiß, dass viele von euch die Polizei aus guten und weniger guten Gründen ablehnen. Aber ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass die Polizei auch hilfsbereit und hilfreich sein kann. Mich hat in einer sehr bedrohlichen Situation der Staatsschutz in Hamburg mit viel Engagement und Geduld unterstützt und beraten. Natürlich weiß ich, dass ich es dabei – wie überall – als Mann mit einem respektablen Beruf leichter habe als andere, aber ich würde jeder/jedem raten, bei einer entsprechenden Situation zumindest über eine Anzeige nachzudenken.

Wenn die Kommunikation nur unspezifische Drohungen und grenzwertige Sprache enthält:

2b. Die Zuständigen der jeweiligen Plattform informieren, auf der das Mobbing stattfindet. Ich weiß, dass auch Twitter, Facebook u.a. nicht immer verständnisvoll und unterstützend reagieren (und oft das Gegenteil davon tun). Aber ich weiß auch hier aus eigener Erfahrung, dass die für die Netzwerke Zuständigen auch hilfsbereit und unterstützend sein können. Als mich vor ein paar Wochen ein Nutzer auf Twitter mit massiven Gewaltandrohungen und fremdenfeindlichen Beleidigungen belästigt hat, habe ich ihn gemeldet und wenige Stunden später war sein Account gesperrt. Auch hier kann es sein, dass meine privilegierte Position hilfreich war, aber auch hier würde ich jeder/jedem raten, eine solche Meldung zu machen.

Außerdem, je nach Situation:

2c. Den Dunkeltroll blocken. Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. Einerseits beendet es die Kommunikation wenigstens kurzfristig, andererseits ist der Dunkeltroll ja immer noch da, nur, dass wir nicht mehr mitbekommen, was er sagt oder zu tun gedenkt (gilt auch bei 2b.). Ich habe es manchmal so gemacht, dass ich den Dunkeltroll über einen anonymen Zweitaccount im Auge behalte, ihn bei meinem Erstaccount aber blocke. Das geht bei Twitter leichter als bei Facebook und Google Plus, wo Zweitaccounts schwierig anzulegen sind; dort hilft es manchmal, wenn ein/e Freund/in den Dunkeltroll im Auge behält, während wir selbst ihn blocken.

Für den Fall, dass 2a/2b/2c nicht möglich sind oder nicht weiterhelfen, oder für den leider wahrscheinlichen Fall, dass die Dunkeltrolle unter anderem Namen wiederkommen:

3. Gegenkommunikation betreiben. „Nicht den Troll füttern” sollte auch bei Dunkeltrollen gelten, aber nicht jede Art der Kommunikation füttert den Dunkeltroll. Was meiner Erfahrung nach absolut vermieden werden muss, ist jedes inhaltliche Eingehen auf den Dunkeltroll: Keine Erklärungen, keine Rechtfertigungen, keine Nachfragen. Wenn falsche Tatsachenbehauptungen aufgestellt werden, können wir die in unpersönlicher Sprache richtig stellen („Das ist eine falsche Tatsachenbehauptung.“) – auf Rückfragen, was denn die Wahrheit ist, natürlich nicht eingehen. Wenn Beleidigungen oder Drohungen ausgesprochen werden, können wir die in unpersönlicher Sprache ablehnen („Unterlassen Sie diese Beleidigungen/Drohungen.“). Das ganze einfach stur wiederholen, ohne Gegendrohung oder andere inhaltliche Anknüpfungspunkte. Gut ist es, wenn wir diese Gegenkommunikation nicht selbst betreiben müssen, sondern wenn Freund/innen oder Bekannte das für uns übernehmen.

Das alles sind Umgangsmöglichkeiten, die das Problem im persönlichen Bereich belassen. Sie lösen kein Grundproblem, sie helfen nicht dabei, die Dunkeltrolle insgesamt zurückzudrängen. Sie sollen deshalb wirklich nur als konkrete Ratschläge im Umgang mit anonymen Mobber/innen verstanden werden. Sie sind kein Ersatz für den sehr mutigen Schritt 4, den ich selber noch nie gewählt habe, wo ich selbst betroffen war:

4. Öffentlichkeit schaffen. Die Dunkeltrolle gedeihen, wie ihr Name sagt, in der Dunkelheit. Wer den Mut und die Kraft dazu hat, sie ans Licht zu zerren, tut uns damit allen einen großen Gefallen und hat deshalb unsere uneingeschränkte Unterstützung verdient. Es ist sehr schwer, mobbende Dunkeltrolle öffentlich bloßzustellen: Leider haben viele Menschen eine reflexartige Tendenz, sich mit Täter/innen zu identifizieren; leider denken viele Menschen, wer angegriffen wird, wird schon einen Grund dafür geliefert haben; leider halten sich viele Menschen einfach gerne heraus, solange sie sich einreden können, sie selbst seien nicht betroffen; leider verbucht gerade die Netzgemeinde Mobbing gerne unter harmloser Standard-Trollerei und sieht es als eine Art Verletzung des Netzgemeinde-Ehrenkodex, wenn Mobber/innen bloßgestellt werden (sie nennen das dann, in ihrer typisch geschichtslosen Art, häufig „an den Pranger stellen“).

Füttern wie die Dunkeltrolle nicht, aber ignorieren wir sie auch nicht. Bekämpfen wir sie. Allein und gemeinsam.

10 years ago
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